Der Krieg der Knöpfe (Blackfire Spiele) – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft

Als der damals 30jährige französische Schriftsteller Louis Pergaud im Jahre 1912 seinen bis heute bekanntesten Roman „Der Krieg der Knöpfe“ veröffentlichte wird ihm kaum bewusst gewesen sein mit welcher Wirkung er dies tat…. Mittlerweile über 100 Jahre alt erfuhr der Jugendroman im vergangenen Jahrhundert etliche Auflagen, Nachdrucke und lose auf das originale „La guerre des boutons“ basierende Neuverfilmungen – mal in Frankreich, mal in Irland beheimatet, zeitlich mal im ersten und mal im zweiten Weltkrieg angesiedelt oder gar im Kontrast zum Algerienkonflikt 1957.

Das Thema des Romans, der Konflikt zweier rivalisierender Banden von Dorfkindern ist eines, welches sich in unser aller Jugendjahre wiederfinden lässt. Gestritten wurde sich immer, Rivalitäten und Streitereien gab es schon immer – und oft weiß keiner wieso das so ist. In der Literatur kommt dieses Motiv in der Vergangenheit genauso häufig vor wie es das auf den Schulhöfern meiner und eurer Jugend heute auch noch tut. Die größte Demütigung der Schulkinder in der Erzählung war es den unterlegenen Jungs die Knöpfe von der Kleidung abzureißen. Die schlimmste Demütigung meiner Kindheit wiederrum war es, Wrestling-Sammelkarten, Murmeln und andere frühkindliche Statusobjekte zu verlieren. Der Ärger der Eltern war vorprogrammiert wenn die teuer bezahlten Gegenstände geklaut worden waren. „Es war halt schon immer so,“, wie es in der Geschichte heißt.

Meine frühere Grundschullehrerin Frau D. hatte jede Menge damit zu tun die Streitereien der Jungs untereinander in geordnete Bahnen zu lenken, das weiß ich noch. Ich spreche mich da natürlich auch nicht von Raufereien frei, gerade in den ersten Jahren meiner Schulzeit. – eigentlich alles beim Alten also. Schade dass ich überhaupt keine Ahnung mehr habe wie es Frau D. heute geht…Naja, aus den Augen, aus dem Sinn.

In diesem Jahr rückte Der Krieg der Knöpfe dafür dank des Spieleverlages Blackfire Games wieder in meinen Fokus. Der Verlag veröffentlichte im Frühjahr ein Brettspiel gleichen Namens von Andreas Steding, welches geschickt die Motive des Jugendromanes mit einem Würfeleinsetz-Spiel kombiniert. Ein, wie sollte es bei dieser Vorlage um rivalisierende Jugendbanden auch anders sein, konfrontatives Ärgerspiel mit Würfelmanipulationen.

Die 2 – 4 Spieler stellen je eine dieser Jugendbanden da. Ziel einer jeden Bande ist es, als erste eine Holzhütte errichtet zu haben. Der Spielplan umfasst mehrere Orte aus dem Roman, in welche man seine Würfel einsetzen kann. Man würfelt, setzt einen oder mehrere Würfel in einen Schauplatz seiner Wahl ein und nutzt dementsprechend die dazugehörigen Aktionen.

Grundlegendes Element ist neben dem Einsetzen der Würfel aber tatsächlich und vorallem das konfrontative Spiel gegeneinander. Im Vergleich zu anderen Genre-Vertretern des sogenannten Dice Placements (Auf den Spuren des Marco Polo, Rajas of the Ganges) legt Krieg der Knöpfe sehr viel wert darauf dass die Spieler sich gegenseitig zu bekämpfen haben.

Die Würfel der Gegner können stellvertretend für diese Kämpfe verdrängt werden, man kann den Gegnern eine Reinwürgen in dem bestimmte Würfelzahlen sanktioniert werden oder sich durch geschicktes Taktieren einen Vorteil verschaffen. Hauptsächlich beim Verdrängen (sprich dem Überwürfeln gegnerischer, eingesetzter Würfelwerte) sammeln die Spieler Knöpfe als eine Ressource ein.

Diese Ressource wird genutzt um seine Hütte weiter zu bauen, für die Würfelmanipulation oder um sich Boni zu kaufen – beispielsweise in dem zusätzliche Würfel aus einem Pool gefischt werden oder die großen Brüder in Form von Bonus-Pappmarkern zu Hilfe geholt werden. Die Regeln und wie das alles funktioniert werdet ihr ja selbst finden.

Was ich am Krieg der Knöpfe am bemerkenswertesten finde ist hier wirklich die Umsetzung der Romanvorlage in ein Würfel-Einsetzspiel. Ich war zuerst skeptisch aufgrund des gelangweilten Spielgefühles meines letzten Dice Placement-Spieles (Rajas of the Ganges), wurde aber eines besseren belehrt. Andreas Steding schafft es hier mit seinen verwendeten Mechaniken der Romanvorlage ein passendes Korsett zu verschaffen und fällt alleine dadurch schon positiv auf. Vorallem im deutschsprachigen Eurogamebereich werden möglichst verschwurbelte Mechaniken gerne höher angesehen werden – mir ist eine zum Spielgefühl passende Mechanik deutlich lieber. Bei Steding´s Krieg der Knöpfe bilden die Manipulations- und Ärgerelemente ein stimmiges Abbild der Literaturvorlage. Rivalitäten müssen ausgefochten werden – das war ja auch schon immer so.

Dies bedeutet aber auch dass die Spieler den Ehrgeiz und den Willen mitbringen, konfrontativ zu spielen und sich zu bekämpfen. Hier spielt Illustrator Harald Lieske mit seiner freundlichen Kinderspiel-ähnlichen Optik den Spielern einen gemeinen Streich. Sie kommt so harmlos daher und versteckt doch soviel Tiefe. „“Ein Mindfucker am Abend in der Optik eines harmlosen Kinderspiels“ war eines der Prädikate welches einer meiner Mitspieler ausstellte.

Krieg der Knöpfe lebt also von der Interaktion untereinander. Zwar funktioniert es sowohl im 2-Spieler, 3-Spieler und 4-Spieler-Spiel mechanisch gut, durch den hohen Konfrontationsanteil schwächelt es aber etwas im Spiel zu zweit. Dort ist für mich spielerisch zu wenig los. Gerade die Ärger-Mechaniken machen im Zwei-Spieler-Spiel zu wenig aus. Da nützt es auch nicht viel dass zu zweit und zu dritt ein Teil des Spielplanes wegfällt. Im Spiel zu viert entwickelt dieses Spiel dafür aber seine komplette taktische Tiefe.

Neben der Optik und dem Spielgefühl ist eine weitere wichtige Stütze des Blackfire-Spiels die Ausstattung. Der Verlag vom Niederrhein hat sich nicht gescheut die Ressourcen allesamt als wunderschöne, gelaserte Holzknöpfe dem Spiel beizulegen. Das erhöhte zwar wahrscheinlich den Preis ein wenig, rechtfertigt diesen aber zugleich auch. Allerdings, und das darf bei einem solchen Spiel eigentlich nicht passieren: Die Regelhefte passen nicht bündig in den Spielkarton und könnten nur gebogen eingepackt werden. Sowas sollte einem eigentlich bei der Drucklegung auffallen. Das macht den sehr guten Gesamteindruck des Spieles aber nicht kaputt.

Ich glaube zwar nicht dran dass Krieg der Knöpfe eine Chance hat den Kennerspiel des Jahres-Titel 2018 gewinnen zu können, traue ihm aber durchaus eine Nominierung für diesen Preis zu. Vom Anspruch her ist Andreas Steding´s Spiel in einem durchaus komplexen Niveau angesiedelt welches dem grauen Pöppel-Bereich entspricht. Verglichen mit Gewinnern der letzten Jahre muss sich das Spiel aus dem Hause Blackfire vor keinem dieser Namen verstecken. Ich bin gespannt….

…und irgendwie möchte ich ja nun doch noch ganz gerne erfahren, wie es meiner ehemaligen Grundschullehrerin Frau D. geht. Französische Jugendromane und Brettspiele wären ihr ja vielleicht sogar ganz sympathisch.

dav

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