Martin Wallace – London 2nd Edt. (Osprey Games) – “London’s Calling“

Nun ist meine englische Sprachkenntnis leider in den vergangenen Jahren ziemlich eingerostet und beschränkte sich in der letzten Zeit auf das Erklären von englischsprachigen Familienspielen eines italienischen Verlages auf der SPIEL, dem Lesen von englischen Anleitungen und dem Konsum von YouTube-Videos und Podcasts aus dem Brett- und Videospielbereich, und trotzdem hat es mir England seit jeher positiv angetan.

Nicht nur dass uns die Sprache der Einwohner dort die Möglichkeit zahlreicher kreativer Wortspiele bietet, uns die Nationalmannschaft bei der vergangenen Fußball-WM bis ins Halbfinale mit spannendem Fußball erquickte und dort in den 1970ern der Punkrock das Licht der Welt erblickte, nein. Die Hauptstadt London ist eine der beeindruckendsten und wichtigsten Städte des Landes und der Welt, ist ein Ankerpunkt der Kultur und mit ihren rund 14 Millionen Einwohnern in Stadt und Umland die größte Metropolregion der EU – zumindest noch aktuell, bis der Austritt aus der EU Ende März 2019 rechtskräftig werden wird.

Ach, und mit The Clash stammt außerdem eine meiner Lieblingsbands, mit Martin Wallace einer meiner Lieblingsbrettspielautoren von dieser dauerhaft verregneten Insel in der Nordsee. Beide dieser Ikonen widmeten der einst am Boden liegenden, englischen Hauptstadt einen-Klassiker ihres Schaffens, beide auf ihre Art. Das Brettspiel LONDON auf der einen Seite, die Hymne London Calling auf der anderen Seite. Hier geht’s heute aber erstmal um das Brettspiel:

Es war ein absolutes Katastrophenjahr welches das mittelalterliche London im Jahr 1666 heimsuchte und das Setting für das Brettspiel LONDON bildet. Zuerst forderte die Pest in diesem Jahr rund 70.000 Tote alleine in der Stadt, im Spätsommer dann führte ein Brand in einer Bäckerei auch noch zur Zerstörung großer Teile des damaligen London. Martin Wallace veröffentlichte 2010 im nach der Hauptstadt benannten Brettspiele eines seiner bis heute bekanntesten Werke und macht uns darin zu Restauratoren der zerstörten Gebiete. Das Spiel fiel damals zwar schon mit einem interessanten Kartenmechanismus auf, störte zugleich aber durch ein gefühlt unnützes Spielbrett.

Der Fehler wurde im vergangenen Jahr vom englischen Verlag Osprey Games wettgemacht indem er eine komplett überarbeite zweite Edition auf den Markt brachte. London 2nd Edition fand kurz nach der SPIEL 2017 den Weg zu mir. Auf das Spielbrett wurde nun komplett verzichtet, stattdessen beschränkt sich dieses Werk nun hauptsächlich auf das was es im Kern schon vorher war: darauf ein elegantes Kartenspiel zu sein, mit ner Menge Gehirnschmalz und riesigem Dilemma-Faktor – und nun halt ohne Spielbrett.

Ich benutze in letzter Zeit irgendwie viel zu häufig den Begriff “Eleganz“, aber was mich an London begeistert ist eben genau diese, und mir mag auch partout kein treffenderes Wort einfallen. Als Spieler habe ich ein außerordentlich geringes Aktionsset welches ich ausführen kann. Entweder spiele ich eine Karte aus meiner Hand, ziehe drei neue Karten nach oder ich aktiviere bereits ausgespielte Karten – zumindest sind dies die drei grundlegenden Aktionen, eine vierte wird noch nachgereicht.

Alle diese Karten sind verschieden koloriert und zum Ausspielen einer ist es zusätzlich notwendig, eine gleichfarbige Karte mitabzulegen. Außerdem geben mir die Karten sowohl Einnahmen als auch negative Effekte mit auf den Weg, letztere hier als Armut bezeichnet.

Da es keine feste Anzahl an Ablagestapeln vor mir gibt ist es meine eigene Sache ob ich die ausgespielten Karten zu eins, zwei, drei oder sieben Stapeln vor mir liegen habe. Je mehr Stapel ich vor mir habe desto mehr Möglichkeiten bieten sich mir, desto mehr Armut macht sich allerdings auch breit. Hier gilt es für mich abzuwägen, meine Ablage und Optionen im Blick zu behalten und ein gutes Timing zu bewahren. Jeder Stapel mehr schafft halt auch mehr Armut. Einmal angefangene Stapel können auch nicht mehr verringert werden, einmal aktivierte Karten werden bloß auf die Rückseite umgedreht und sind nicht mehr verfügbar. Schlimmstenfalls generiert jede weitere Aktivierung nur noch mehr Armut in den Straßen Londons.

Wer diese Dilemma-Situation meistert verdient im Laufe der Partie als Architekt genug Reichtümer und Ansehen, nimmt die verschiedenen Viertel der Stadt unter seine Kontrolle und krönt sich zum prestigeträchtigsten Restaurator eines neuen aufstrebenden Londons.

Wie Martin Wallace diese wenigen Möglichkeiten zu einem so brillanten Spiel kombiniert möchte ich hier getrost als Königsklasse bezeichnen, ein modernerer Klassiker, seit letztem Jahr im neuen Gewand. Die Illustratoren Natalia Borek, Przemyslaw Sobiecke und Mike Atkinson tragen ihr übriges dazu bei.

Gesendet von meinem Iphone

Ein Gedanke zu „Martin Wallace – London 2nd Edt. (Osprey Games) – “London’s Calling“

Kommentare sind geschlossen.