Wer ist eigentlich dieser „Kennerspiel des Jahres“ von dem alle reden?

Als gegen 12 Uhr heute Mittag mein Handy gleich mehrfach vibrierte war mir bereits klar was der Anlass war… – ich brauchte eigentlich gar nicht aufs Display zu schauen. Heute war Deadline Day. Was im Profifußball die Schließung des Transferfensters ist und im US-Sport die Draft-Phase ist, ist im Brettspielbereich der heutige 14. Mai. Der Tag, an dem eine Jury die Vorauswahl für die kommerziell wichtigsten Spielepreise der Welt veröffentlicht – die Nominierungen der Kandidaten zum „Spiel des Jahres“, zum „Kennerspiel des Jahres“ und zum „Kinderspiel des Jahres“. Preise, die Jahr für Jahr für jede Menge Aufmerksamkeit und Publicity sorgen. Preise, die schnell selbst kleinere Verlage in den Blickpunkt der bundesweiten bis weltweiten Presse bringen können.

Dies erlebte vergangenes Jahr ja erstmalig der Oberhausener Schwerkraft Verlag um seinen Chef Carsten Reuter. Plötzlich bekam der Kleinstbetrieb auch im Nachrichtenmagazin SPIEGEL, der BILD und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitungen zu Präsenz – kurz zuvor wurden die Spiele Terraforming Mars (Jacob Fryxelius) und Räuber der Nordsee (Shem Phillips) zu Kennertiteln nominiert, und kurz darauf waren diese nahezu bundesweit in allen Fillialen der Mayerschen Buchhandlungen und der Thalia.de-Kette zu finden. Gewinnen konnten diese den begehrten Titel beide zwar nicht, die PR war ihnen aber gewiss.

Doch die Entscheidungen der Jury sorgen gerne auch für Unmut, gerade in unserer oft sehr emotionalen Brettspieler-Community. Die Entscheidung der Jury kann schnell zum Meinungsmacher, aber auch zum Meinungsspalter werden. In den letzten Stunden hatte ich Zeit, mir eifrig Gedanken zu machen. Leider aber vorallem auch Zeit um mich über eine erneut mutlos auftretende Jury aufzuregen.

Jahr um Jahr werden die Nominierungen und Preise vom Spiel des Jahres e.V. vergeben. Ein Verein, dessen Mitglieder als Spielekritiker für deutschsprachige Publikumsmedien tätig, also Blogger und Journalisten mit dem Schwerpunkt Brettspiel sind. Über das Spiel des Jahres entscheidet eine zurzeit zehnköpfige Jury. In den letzten Jahren nehme ich jedoch einen besorgniserregenden Trend wahr. Selbst die Spiele im Kennerbereich werden immer seichter. Mit den heute nominierten Titeln „Ganz schön Clever“sowie den „Quacksalbern von Quedlinburg“ von Wolfgang Warsch finden sich gleich zwei Kandidaten in der Nominiertenauswahl wieder, welche sicherlich auch Platz bei den Familienspielen gefunden hätten. Auf jedenfall keine Spiele, welche ich als komplexe Kennerspiele für Fortgeschrittene bezeichnet hätte. Mit ein wenig Mut mehr hätte die Jury in diesem Jahr eine fantastische Auswahl präsentieren können. Seien es Der Krieg der Knöpfe oder Calimala (beide Blackfire), Photosynthesis (Blue Orange), Das Tiefe Land (Feuerland Spiele) oder ein 13 Tage (Frosted Games) – alles Titel, welche mit etwas mehr Mut und dem berühmten Arsch in der Hose einem Abwärtstrend in Sachen Komplexität Einhalt hätten gebieten können und durchaus für erfahrene Spieler interessant sind. Stattdessen präsentiert uns die Jury mit „Ganz schön Clever“ ein Roll´n´Write-Würfelspiel als möglichen Sieger – dabei erinnert dieses schonmal an frühere Spiele wie Nochmal! (Inka und Markus Brandt) oder das prämierte Qwixx (Steffen Benndorf) – bietet aber eher weniger vollkommen neue Impulse, interessante Mechanismen oder innovative Neuerungen.

Dazu die „Quacksalber von Quedlinburg“. Diese habe ich selbst persönlich noch nicht gespielt, das müsste ich noch miterwähnen. Mit seinem Bag Building- und Push your Luck-Mechanismus kratzt dieses aber auch regeltechnisch so gerade noch am untersten Bereich des Kennerspiels und wäre ebenso als Spiel des Jahres in Frage gekommen. Seine alberne Alliteration aus generischem Städtenamen im Titel, europäischem Mittelalterthema und Dennis Lohausen-Illustrationen passen aber ins Bild. Ein mutloses Produkt mit altbekannten Bestandteilen als Verkaufsgarant – leider funktionieren gerade im deutschen Eurogame-Bereich diese Bestandteile aber auch immer. Einzig und allein Heaven & Ale von Michael Kiesling und Andreas Schmidt sitzt fest im Sattel erfolgreicher, komplexer Kennerspiele aus den Vorjahren.

Ich habe durchaus auch ein Verständnis dafür warum die Jury so urteilt wie sie urteilt und warum die Verlage handeln wie sie handeln. Nicht umsonst trägt die Jury als Ziel ihres Vereins das Setzen neuer „Impulse für die Entwicklung wertvoller, entsprechend gestalteter Spiele“ in ihrer Satzung. Man will also vorallem einem heute schon breiten Markt neue Einflüsse geben. Neue Spieleimpulse fernab bekannter Spieldesigns für einen stetig wachsenden Markt. Gerade als großer Verlag will man diese großen Käufergruppen natürlich auch bedienen – vornehmlich dadurch in dem man niedrigschwelligere Angebote schafft. Statt Impulse zu setzen bedient man hier die Wünsche. Alles legitim und sicherlich komplett im Interesse der Verlage und der neuzugewinnenden Konsumenten. Aber nicht mehr im Sinne eines großen Teils der eingefleischten Spielerschaft, welche sich in den Kennerspielen des Jahres- Nominées langsam nicht mehr wiederzufinden scheint.

Wenn man jetzt bedenkt dass das heutige Kennerspiel des Jahres auf das 2010 erschienene Agricola von Uwe Rosenberg zurückzuführen ist, so werden die aktuellsten Entscheidungen zur Farce. Nachdem ich vergangenes Jahr bereits dachte dass mit der Ernennung eines Wegwerf-Einweg-Rätselspieles (Exit) als Preisträger vor den vorhin bereits erwähnten Räuber der Nordsee und Terraforming Mars ein Tiefpunkt erreicht war, so stellt die Nominiertenauswahl in diesem Durchgang alles dagewesene in den Schatten. Und hat den Kennerspiel des Jahres-Titel in meinen Augen schon längst verwässert. Sehr zum Leidwesen der Spielerschaft welche sich zumindest vor einigen Jahren noch auf Gewinner wie Village (Markus und Inka Brandt), 7 Wonders (Antoine Bauza) oder Die Legenden von Andor (Michael Menzel) verlassen konnten. Diese gelten heute noch unzweifelhaft als Klassiker und finden auch bei Liebhabern komplexerer Strategiespiele und fordernder Eurogames ihre Freunde. Und waren vorallem eines zu ihrer Zeit: Mutige Entscheidungen. Der Krieg der Knöpfe wäre eine solche gewesen, Calimala oder Wendake wären mutige Überraschungen gewesen oder Photosynthese wäre eine solche gewesen. Die jetzt Nominierten jedoch sind es nicht,

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