Zum Jahrestag des Hitler-Attentates: Black Orchestra – auf dem schmalen Grat zwischen Bauchschmerzen und sozialer Adäquanz

Was die Auswahl meiner Spiele angeht bin ich eigentlich vergleichsweise hart gesotten in Bezug auf Thema oder Setting, oder? Kommunisten oder Demokraten, Kolonialisten oder Sklavereibekämpfer, Deutsches Reich oder Widerstandskämpfer – wenn es angemessen aufgezogen wird sollte es erst einmal kein Tabu, kein Verbot geben dürfen. Derzeit freue ich mich auf die Auslieferung der deutschsprachigen Ausgabe von Labyrinth – War against Terror, was ja bereits von vielen kritisch beäugt wird. Eine kartengetriebene Konfliktsimulation von Volko Ruhnke, ein Strategiespiel für zwei Personen mit dem freien Westen in Form der USA auf Seiten des einen Spielers und den Taliban mit dem Plan eines Gottesstaates auf Seiten des anderen Spielers – mechanisch irgendwo zwischen der GMT´schen COIN-Reihe und Twilight Struggle. Ich habe da durchaus Verständnis für wenn es dem ein oder anderen Spieler zu weit geht im Rahmen eines Spieles in die Rolle der Taliban zu schlüpfen, besitze selbst aber diesen Abstraktionsgrad um Spiele mit historischem Hintergrund aus der Sicht eines Betrachters, ohne ideologischen oder politischen Bezug zu den Protagonisten zu sehen. Es sind ja erstmal nur Strategiespiele, ob ich nun wie bei 1989 – Dawn of Freedom die Demokraten oder Kommunisten spiele, mich bei 1960 – Making of the President in die Positionen von Kennedy oder Nixon begebe oder mich bei Fort Sumter zwischen Nord- und Südstaaten entscheiden muss – ich mache mich in keinem der Fälle mit den ideologischen Denkmustern der Parteien gemein und versuche nur ein Spiel auf historischen Tatsachen aufbauend für mich zu entscheiden. Gerade die erwähnten Titel von GMT sind da super Beispiele für, sich einem Thema angemessen zu nähern und nicht zu sensationslustig auszuschlachten. Egal ob als Sowjetunion oder als die United States of America bei Gleichgewicht des Schreckens – wir begehen keine Verbrechen in dem wir spielen. Wir spielen eher eine Art Geschichtsunterricht in Brettspielform.

Doch anlässlich des heutigen Tages, dem Jahrestag des missglückten Attentates auf Adolf Hitler vom 20.7.1944, kann ich nicht anders als euch von meinen ultimativen Bauchschmerzen zu erzählen. Das Brettspiel Black Orchestra stellt mich vor ganz außerordentliche innere Probleme, brachte mich an meine Grenzen. Ersteinmal aber zum Spiel selbst:

Black Orchestra ist ein kooperatives Brettspiel welches uns vor dem Hintergrund des Dritten Reiches zu Mitgliedern der Schwarzen Kapelle macht – die von der Gestapo so genannte Widerstandsgruppe um Claus Graf Schenk von Stauffenberg war verantwortlich für die Planung des Attentates auf Adolf Hitler welches heute vor genau 74 Jahren stattfand. Ein Spiel, welches es uns als Ziel setzt Adolf Hitler zu töten ist ja eigentlich ein äußerst dankenswerter und sympathischer Plot, Aus menschlicher Sicht absolut erstrebenswert.

Das Spielziel und die Prämisse hinter Black Orchestra sinf es auch nicht welche mir so Bauchschmerzen bereitet. Spielerisch und mechanisch sowieso nicht, wie es funktioniert wäre sicherlich in 10 – 15 Minuten am Tisch erklärt, gerade wenn man schonmal kooperative Spiele ala Pandemie gespielt hat. Mein Unbehagen stammt woanders her: Wenn ich schon beim Auspacken des Spieles vor lauter Hakenkreuzen erschlagen werde, mir das Zeigen dieses Symboles einen gewaltigen Brechreiz verschafft und mir persönliches Unbehagen bereitet – wie spielt es sich dann erst? Ich habe es gespielt, und ich habe auch eine Meinung dazu. Doch was hat es mit den Bildern auf sich?

Nahezu jede Karte in diesem Spiel ist dekoriert mit SS-Runen, Hakenkreuzen, Fotos marschierender Soldaten, Aufnahmen Adolf Hitlers oder seiner anderen Schergen. Das Zeigen der meisten dieser Symbole ist dabei in Deutschland ja eigentlich ausdrücklich verboten. Der Paragraph 86a des Strafgesetzbuches ist da ersteinmal eindeutig, nach dem jeder mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft wird der Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Parteien oder Vereinigungen oder Gegenstände die diese enthalten herstellt, einführt oder verwendet. Darunter zählen als DAS Symbol des Nationalsozialismus definitv Hakenkreuze, die Sig-Rune (besser bekannt als SS-Rune, als Zeichen der verbotenen Schutzstaffel) oder gar das Konterfei Adolf Hitlers. Ich kann mir vorstellen dass es bereits mindestens eine Grauzone seien könnte als Brettspielversand dieses Spiel offiziell anzubieten – von daher verzichte ich mal auf Nennung des Online-Shops wo ich Black Orchestra erwerben konnte. Aber es ist in Deutschland zu erwerben und auch nicht beschlagnahmt. Aber nicht jede Präsentation dieser Symbole ist verboten, Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel:

Jeder von uns hat natürlich Kinofilme oder Dokumentationen, Geschichtsbücher und historische Aufnahmen vor Augen deren Anschauen uns nicht zu Straftätern macht und schon gar nicht als Nazis ausweist. Im Rahmen der staatsbürgerlichen Aufklärung, der Kunst und der Lehre weist der Gesetzgeber eine besondere Sozialadäquanz aus, Diese Verwendungszwecke dienen der Bildung und dem Erlangen von Wissen, sind also rechtlich abgesichert. Dokumentationen wären da Beispiele für, Schul- und Geschichtsbücher oder Spielfilme, welche in Deutschland einen anderen Stellenwert besitzen als Brettspiele – diese sind offiziell als Kunst angesehen.

Eigentlich bin ich Verfechter der Meinung Brettspiele seien Kultur und seien Kunst, und diese dürfe bekanntlich mehr. Nein, eigentlich müssen Kultur und Kunst sogar mehr, denn Kunst heißt immer auch anstößig zu sein und aufzurütteln, Diskussionen zu entfachen und auch zu provozieren. Zum Beispiel durch das Zeigen von Hakenkreuzen wenn es einem höheren Zweck dient – vielleicht um geschichtliches Wissen zu vermitteln, um sich über die menschenverachtende Nazi-Ideologie lustig machen oder um aufzurütteln. In einem solchen Rahmen kann das Verwenden des Hakenkreuzes zwar provozieren, aber durchaus ein legitimes Stilmittel sein. Provozieren um der Provokation willen ist falsch, wenn diese Provokation einem solch besonderen Zweck nicht dient. Das würde ich persönlich nicht dulden können.

Über genau diese Aussage, Hakenkreuze in einem Strategiespiel zu zeigen würde ich nicht dulden können, eskalierte vor etlichen Monaten ein Streit in der Facebook-Gruppe Brettspielwiese. Es ging eben um genau dieses hier angesprochene Thema. Hakenkreuze gehören nicht als bloßes Designmittel in Spiele, sie würden bei mir als Grafikelement auf Einheitenmarkern in Strategiespielen übermalt werden und gehören zensiert, so mein Standpunkt. Teile des Adminteam waren jedoch entweder der Meinung dass es durchaus nötig und sinnvoll wäre in Kriegsspielen oder in historischen Simulationen Hakenkreuze darzustellen oder widersprachen dieser Aussage zumindest nicht – dieses Abbilden würde dem Spieler helfen sich der Geschichte näher verbunden zu fühlen. Mein Einwand dass es geistig nicht gesund seien könne sich den Nazis „näher verbunden zu fühlen“ wurde auch nicht sooo freundlich aufgenommen und dieses Erlebnis, zusammen mit schon vorher dort geduldeten, öffentlich geposteten und unkommentiert gelassenen Witzen beispielsweise über das Konzentrationslager Ausschwitz machten mir das Verlassen der Gruppe dann doch sehr einfach. Natürlich unterstelle ich niemandem dort nationalsozialistische Gedankenzüge, trotzdem sind das „Witze“ die nicht unkommentiert stehen gelassen werden dürfen – auch nicht im Rahmen von „witzigen Brettspielen“ und den Gesprächen darüber.

Aber was stört mich nun an Brettspielen wie Black Orchestra und damit verbundenen Hakenkreuzen? Brettspiele sind doch Kultur, und Kultur ist ein sozialadäquater Zweck, oder?

Ich erwähnte ja bereits dass Black Orchestra mechanisch eher simpel ist. Stattdessen geschieht in diesem Spiel das meiste über seine Optik, und diese hat es in sich. Ein wichtiger Bestandteil des Spielverlaufes sind die zahlreichen Ereigniskarten, welche am Ende eines jeden Spielerzuges ausgelöst werden. Diese Ereigniskarten zeigen eine meist explizite Aufnahme des dritten Reiches, einen historischen Zusammenhang und die Auswirkungen auf das Spielgeschehen. Die Illustrationen mit Hakenkreuzen, Reichsadlern und den Porträts der höchsten menschenverachtenden Elite des Dritten Reiches bei gefühlt jeder gezogenen Karte und auch verteilt auf dem ganzen Spielplan widern mich an, sagen wir ganz einfach mal wie es ist. Und doch sind sie hier wichtig, notwendig und spielerisch bedeutsam. Auch mit Bauchschmerzen.

Die häßlichen Fratzen von Goering, Hess und Goebbels, die Visage von Adolf Hitler, die Hakenkreuze und SS-Soldaten sind ein gewagter Griff in die Geschichtsbücher – und sie sind hier glücklicherweise nicht bloß ein Mittel zur Provokation. Sicherlich, es ist provokant, aber notwendig damit das Spiel mit dem Bösen hier funktioniert. Das was in Black Orchestra an Mechanik fehlt wird hier durch das Spielgefühl und die Präsentation des Themas erledigt. Sicher kann man nun darüber diskutieren ob all diese Aufnahmen notwendig sind, jedoch erfüllen sie hier einen großen Zweck – dieses gemeinsame Abenteuer, der außerordentliche Mut und das wahnsinnige Unterfangen die wahrscheinlich meistgefürchtete und gehasste Person aller Zeiten zu töten MUSS uns als Akteuren schwierig vorkommen, die verabscheuungswürdigen Aufnahmen müssen weh tun um uns die Notwendigkeit unseres finalen Attentates vor Augen zu halten – wenn man die Jagd auf Hitler spielmechanisch ohne diese zutiefst erschreckenden Referenzen aufziehen würde hätten wir hier ein Brettspiel ala Scotland Yard, nur halt kooperativ gegen das Regelwerk.

Ja, ich als aufgeklärter, politisch links stehender Brettspieler verstehe also durchaus mittlerweile warum die Autoren sich für dieses Design entschieden haben. Ich persönlich bin bis hier hin ganz zufrieden damit dass meine ursprüngliche Befürchtung der Provokation des Provozierens wegen hier nicht eingetroffen ist. Nun bin ich aber kein Rechtsberater und möchte mir auch nicht Anmaßen eine faktisch richtige Meinung zu verbreiten – aber ich bin mir trotzdem nicht sicher ob ein solches Spiel wirklich in Deutschland legal verkauft werden sollte – ich hätte damit meine Probleme, mir das Spiel in die fikive Auslage meines fiktiven Brettspielladens zu stellen.

Die Fotos und der Großteil der Illustrationen sind sicherlich im Rahmen des Spielgefühles abgedeckt. Rechtlich fragwürdig erscheint es mir trotzdem. zumindest in Deutschland SS-Runen als Kartenrücken, verschiedenkolorierte Hakenkreuzfahnen als Indikator für verschiedene Ereignisse zu verwenden – die Fotos der Nazi-Größen in verschiedenen Posen, dargestellt wie Superstars ihrer Zeit natürlich nicht zu vergessen. Es lässt sich vortrefflich drüber diskutieren ob alle Symbole hier wirklich so gezeigt werden müssen wie sie zu sehen sind. Das ein Spiel es schafft Diskussionen anzuregen ist allerdings ein wichtiger Schritt auf dem Weg als Kultur und Kunst anerkannt zu werden.

Die ganze Diskussion um das Hakenkreuz ist eine wichtige Debatte welche bei Videospielen noch deutlich intensiver geführt wird als im Bereich des Brettspielens, so viele Berührungspunkte wie in Videospielen ala Call of Duty oder Battlefield gibt es bei unseren Brettspielen nicht. Außer im Rahmen einiger weniger Hex&Counter-Wargames aus dem amerikanischen Raum, einzelner Titel aus der Axis & Allies-Reihe und nun eben Black Orchestra fallen mir zumindest keine ein – die digitale Szene mit ihren genannten Egoshootern, mit Strategiespielen wie Heart of Iron, ihren Wolfensteins und vielen anderen Spielen steht dort noch mehr im Brennpunkt. Dazu kommt der vor kurzem von Autor und Spieleentwickler Wolfgang Walk im deutschen Podcast-Format Auf ein Bier! in die Öffentlichkeit gebrachte Skandal um „Attentat 1942“ – ein dokumentarisches Videospiel rund um das Attentat in Prag auf Kriegsverbrecher und SS-Funktionär Reinhard Heydrich im Jahr 1942 – ein Titel welcher aufgrund seiner gezeigten Hakenkreuze nicht in Deutschland veröffentlicht werden darf. Das Verbot von Attentat 1942 in Deutschland sei „eine blanke Verhöhnung der Opfer deutscher Gewaltherrschaft“ – so Walk in seiner öffentlich abrufbaren Kolumne . Dieses Spiel ist mehr interaktive Dokumentation als Unterhaltung – aber es ist bloß ein Spiel. Auch hier: Viele Diskussionen um das Für und Wider des Zeigens von Hakenkreuzen. Und noch lange kein Ende in Sicht.

Was bleibt ist ein Fazit: Sowohl Videospiele als auch Brettspiele wie Black Orchestra zeigten uns in den vergangenen Jahren vermehrt wie wichtig es ist auch unbequeme Wege zu gehen. Ein Spiel kann soviel mehr sein als ein purer Zeitvertreib. Fernab von familientauglicher Spieleunterhaltung gibt es Spiele die Diskussionen erzeugen, die anecken und die den Großteil seiner Zielgruppe auch verschrecken könnten. Aber das ist ein Risiko welches man in Kauf nehmen muss. Zumindest wenn man im Rahmen einer kulturellen Debatte ein Wörtchen mitreden und sich auf ernste, erwachsene Art und Weise in historischen Gewässern herumtreiben will. Spiele wie Black Orchestra können durchaus Verbrechen darstellen ohne sie zu instrumentalisieren, können verbotene Symbole zeigen ohne zu Verbotenem aufzurufen – und sie können einer Gruppe an Spielern einen Zeitvertreib verschaffen, der auch über das Spiel hinaus zu Diskussionen führen wird – soziale Adäquanz ist hier das Stichwort welche letztlich das Verbotene legitimieren sollte.